Aktuelles Das geistliche Wort

Aktion „24 Wege durch den Advent“

Von meiner Großmutter mütterlicherseits hörte ich oft den Satz: „Der Mensch wartet immer auf etwas“. Als Kind habe ich nicht verstanden, was meine Großmutter damit aussagen wollte. Erst viel später, als Erwachsener, verstand ich, was meine Großmutter meinte. Wir Menschen sind Wartende. Wir warten mit Spannung darauf, wie der erste Schultag sein wird, wir warten voller Ungeduld auf das Ende der Schule, wir warten als Eltern auf die Geburt unserer Kinder und irgendwann warten wir auch auf unseren Tod. Dieser Ablauf des Wartens kennt keine Wiederholung. Wir warten stets auf etwas Neues, etwas Zukünftiges. Ständig wird Zukünftiges Vergangenes. Man spricht hierbei von einem linearen Ablauf der Zeit. Es geht zeitlich immer nur in eine Richtung.

Advent und Weihnachten durchbrechen diese Art des Wartens. Advent, die Vorbereitungszeit auf Weihnachten, ist klar strukturiert. Seit Generationen haben sich Rituale wie der Adventskalender, der Adventskranz, Weihnachtsmärkte usw., entwickelt. Wir alle wissen, wie die vorweihnachtliche Zeit zu gestalten ist. Auch das Weihnachtsfest selbst ist in seinen Strukturen festgelegt. Aufstellen des Weihnachtsbaums und der Krippe, Besuch der Christmette, Bescherung, gemeinsames Essen usw. Wir befinden uns in dieser Zeit in einer Art Zeitschleife.

Wir warten aufs Christkind beinhaltet nichts Neues. Das Ziel des Wartens ist bekannt. So war es bis jetzt. Aber Weihnachten im Jahre 2020 wird anders. Die Zeitschleife ist zumindest teilweise durchbrochen. Ein Virus, der uns allen Angst macht, zwingt uns, Advent und Weihnachten anders zu gestalten. Wir sind gezwungen, auf etwas Neues zu warten. Die Kirchen entwickeln neue Gottesdienstformen, der Besuch der gutbesuchten Weihnachtsmärkte weicht der Ruhe und der Besinnung. Kein Trubel und keine Hektik in den Einkaufsstraßen, den Läden und Kaufhäusern. Es ist auf eigenartige Weise still geworden.

Diese Situation, dieses Warten auf etwas Neues, macht uns unsicher, es macht uns Angst. Warum kann denn nicht alles so bleiben, wie es war? Kann es nicht. Es kann deswegen nicht alles so bleiben, wie es war, weil wir Christen nicht nur Weihnachten, sondern auch Ostern und Pfingsten feiern. An Ostern, dem Fest der Auferstehung Jesu begann ein fortdauernder Prozess auf etwas Neues hin. Wir als Christen sind Teil und Gestalter dieses Prozesses. Warten wir nicht nur getrost auf das, was kommen mag, sondern werden wir mit Hilfe des heiligen Geistes Gestalter dieses Wartens.

Fröhliche Osterweihnachten

Franz-Josef Hoehling